Heimatgalerie - Garnison Vogelsang / Гарнизон Фогельзанг - Seite 15

Heimatgalerie

Dokumentationen zur Zeitgeschichte - damit die Wahrheit erhalten bleibt
Home Garnison Vogelsang

Garnison Vogelsang / Гарнизон Фогельзанг - Seite 15

Die Stationierung der Systeme R-5M / 8K51 (SS-3 / Shyster):

Im April 1959 wurden für kurze Zeit (bis Sept. des gleichen Jahres) 2 Raketenabteilungen und 2 Feldmontageeinheiten (BRTB/пртб) aus der UdSSR nach Vogelsang und Neuthymen verlegt. Im südwestlichen Teil (Militärstädtchen Nr. 13) der Garnison Vogelsang wurden die 638. Raketenabteilung/оидн und die 432. BRTB (Feldmontageeinheit) stationiert. Beide Einheiten (auch die Einheiten in Neuthymen) gehörten zur 72. Ing. Brigade/72-я инженерная бригада РВГК. Ihr mitgeführtes System, die R-5M, war eine strategische Rakete mit der Fähigkeit einen nukleare Gefechtsköpfe (Mono GK) bis zu 1200 km weit zu tragen. Eine höhere Anzahl von GK ging zu Lasten der Reichweite.
Die entsprechenden Merkmale der Stationierung befinden sich noch heute im Militärstädtchen Nr. 13 (2 Bogendeckungen [Bunker], Fahrzeughallen, etc.), auf dem Truppenübungsplatz (TÜP) und in den angrenzenden Wäldern (Gefechtsstartstellungen im Feld/боевая стартовая позиция). Eine "Feldstellung" für das System R-5M ist bekannt und wurde ausgiebig dokumentiert. Jedoch sind wir der Auffassung/Überzeugung, dass es sich bei dieser um eine "Startposition zur Gefechtsausbildung im Feld (УПБСП / учебную полевую боевую стартовую позицию) handelt. Es fehlen die notwendigen Strukturen der Entfaltung. Ebenso sind die Positionen der Leitstrahl-Antennen unbekannt (System TRAL). Die gefechtsbereiten Feldstellungen sollten / müssten sich im weiteren Umfeld der Garnison befinden. Die Normativen für die Entfaltung bzw. Gefechtsbereitschaft sind bekannt. Die Suche danach gleicht der "Nadel im Heuhaufen", was ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann.[7]

Die Resolution ЦК КПСС и СМ СССР № 589-365сс zur Vornstationierung der Systeme R-5M in der DDR kam am 26. März 1955, unterzeichnet vom damaligen sowjetischen Partei- und Staatschef Nikita S. Chruschtschow und dem damaligen Vorsitzenden des Ministerrats der UdSSR Nikolai A. Bulganin. Im Jahr 1958 gab der Verteidigungsminister Marschall Malinowski den Befehl zur Verlegung in die DDR (Vogelsang / Neuthymen). Vor der Stationierung auf dem Gebiet der DDR gab die Regierung der UdSSR am 31.03.1958 an den Kongress der USA, das Parlament von GB, die Bundesregierung der BRD und alle Parlamente auf der Welt eine Erklärung ab, in der vor den Gefahren von Atomwaffen und Wasserstoffbomben gewarnt wurde. Gehört hat darauf niemand, erst daran anschließend wurden 2 Raketenabteilungen (in Vogelsang: 638. Raketenabteilung [RA] und die 432. BRTB [Feldmontageeinheit]) aus der Reserve des Oberkommandos mit je 2 Feuerbatterien und 2 Startrampen. Der Kampfsatz pro Rampe betrug 3 Träger mit Gefechtskopf (GK).[7] Die Reaktionszeit der RA von der Alarmierung bis zur Abschussbereitschaft der Rakete lag anfangs bei ca. 30 Stunden. Nicht ungewöhnlich, bedenkt man das diese Truppen keinerlei Erfahrung mit der Verlegung dieser Systeme im Feld hatten. Vor den Systemen R-5 gab es nur die R-1 und R-2, aber keine ballistische Rakete strategischer Bedeutung mit Flüssigkeitstank und Trägheitsnavigation, die im Feldeinsatz in Normzeit in Stellung zu bringen war. Demnach wurde solange trainiert, bis die Normzeit den Vorgaben entsprach. Für "angemessen" hielt man dann später eine Normzeit von unter 5 Stunden.

Die R-5M war eine flüssigkeitsbetriebene, 1stufige ballistische Rakete mit (damaliger) strategischer Bestimmung, mit (in der Endversion) bis zu 1200 km Reichweite, zudem eine Weiterentwicklung der R-5. Gewicht des Gefechtskopfs (GK) betrug ca. 1,3 Tonnen. Der GK hatte eine Sprengkraft von bis zu 300 kt (Hiroshima "Little Boy" 13 kt TNT). Im Gegensatz zur R-5 konnte u. a. die Zielgenauigkeit verbessert werden. Die Möglichkeit der Reichweitensteigerung bei genauerer Zielpräzision war Ziel der modernisierten Versionen. Die R-5M konnte mit verschiedenen Gefechtsköpfen bestückt werden, unter anderem einen als Monogefechtskopf (моноблочная ВЧ) bezeichneten Nukleragefechtskopf. Dieser Gk konnte, im Gegensatz zu Mehrfachgefechtskopfen, nur ein Ziel bekämpfen, gestattete aber die Wahl der Detonationsstärke in gewissen Grenzen. Die Zielfindung vollzog sich, einfach formuliert, mit dem Verschluss der Treibstoffzuvor, wodurch die Ballistische Bahn verlassen wird und die Rakete nieder geht. 

Länge der Rakete mit GK: 21 Meter, Rumpfdurchmesser: 1,60 Meter, Ruderdurchmesser: 3,45 Meter, Startgewicht: 28 Tonnen, Treibstoff: 92% Äthylalkohol. Indienststellung: 21.06.1956. Zielgenauigkeit spielte in dieser frühen Phase der Entwicklung ballistischer Systeme eine Rolle, konnte aber nicht optimal gewählt werden, weil die Navigation nur über eine Trägheitsnavigationsplattform (TNS, Kreiselstabilisierung, regelt Höhe und Flugbahn) und Treibstoffzufuhr (Je kürzer die Reichweite je weniger Zufuhr) erfolgte, die eine höchst präzise Trefferwirkung auf das zu bekämpfende Ziel, anfangs nicht sicherstellte. Die Kreisel des TNS arbeiten und liefen unter Volllast bereits vor, während und nach der Startphase. In der höchsten Stufe der Gefechtsbereitschaft arbeiten die Kreisel bereits unter Volllast. Ein Grund warum die Träger nur 20 bis 30 Minuten in dieser höchsten Stufe der Gefechtsbereitschaft belassen werden konnten. Das Manko der Waffenwirkung wurde u. a. versucht mit der Detonationskraft der Ladung und der Wahl der Detonationshöhe zur Erreichung einer Flächenwirkung auszugleichen. Zugleich wurde versucht, über diese unterschiedlichen Detonationsverfahren eine wirksame Flächenwirkung auf verschieden viele Ziele zu erreichen. [1]

Der Stationierung der Systeme R-5M in der ehemaligen DDR im Jahre 1959, ging vonseiten der Amerikaner 1957 das Projekt "Emily" voraus. Das Projekt "Emily" folgte der militärstrategischen Konzeption der NATO von 1957: "Massive Vergeltung / Massive Retaliation" (u. a. Unterstellung strategischer US-Raketen mittlerer Reichweite unter die Befehlsgewalt des Oberbefehlshabers [SECEUR] der NATO-Streitkräfte in Europa. Militärische Antwort mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, SIOP).
Das Projekt sah die Stationierung von Raketen des Typs "THOR" in England [1] und die Stationierung von Raketen des Typs "JUPITER" in Europa, wie Italien und der Türkei, vor. Das Verhältnis der stationierten GK war 150 (THOR) : 12 (R-5M). Damit wäre es möglich gewesen, die amerikanischen, in England stationierten nuklearen Erstschlagmittel gegen den europäischen Teil der UdSSR zum Einsatz zu bringen, wenn dies der Präsident der USA für seine und in Abstimmung mit dem Premierministers des Vereinigten Königreiches angeordnet hätte, ohne die eigenen Trägersysteme in den USA zu nutzen. Zudem gab es für die amerikanischen Militärs ein "Papier" (Eisenhower Instructions), dass die Erstschlagentscheidung bei Abwesenheit und / oder Tod des Präsidenten regelte. Der vertraglich geregelte Bündnisfall ("Artikel 5/§ 5" [5] NATO-Vertrages [gegenseitige Beistandspflicht]) hätte keine Rolle gespielt, da es sich um keinen Verteidigungsfall gehandelt hätte. Die "gegenseitige Beistandspflicht" basiert auf dem Dokument "NSC 5434/1" vom 30. August 1954, welches die vorbestimmten Abläufe der militärischen Unterstützung (Foreign Military Assistance Programs) regeln oder regeln sollte.

Die Stationierung der Systeme R-5M in der ehemaligen DDR (Vogelsang und Neuthymen) kann als eine erste und in dieser Zeit einzig machbare Möglichkeit angesehen werden, auf die Bedrohungslage (Strategic Air Command [SAC], Projekt "Emily") dieser Tage angemessen zu reagieren. Da weder die USA noch die UdSSR in dieser Zeit (1954) militärisch in der Lage waren, aus ihrem Land heraus den "Gegner" mit Raketen direkt zu bedrohen. Aus diesem Grund wurde es notwendig, verfügbare Systeme außerhalb des eigenen Landes zu stationieren.

Die Westlichen Dienste, allen voran der BND, hatten durch einheimische Quelle vermutlich bereits in der Vorbereitungsphase (Baumaßnahmen, Baufeldberäumung, Eisenbahntransporte) durch ungewöhnliche Aktivitäten in der Kaserne Vogelsang Kenntniss von einer Stationierung sowjetischer "Raketenwaffen".
So gibt eine Quelle in der Standortkartei des BND am 31.03.1957 (Blatt 14) an, dass Erweiterungsbauten in den Jagen 206/209 und 224-228 ausgeführt werden und das Lager nunmehr vergrössert wird. Ab Februar 1959 nehmen die Meldungen über ankommende Baumaterialien (Zement, Kies, Splitt und Betonfertigteile) zu (Blatt 24). Selbst die Ausmasse der Betonplatten werden vermerkt.
Schließlich berichtet eine Quelle im April 1959 (Blatt 26): "...soll ostw. vom Schwarzen Weg und hart S vom Schiesstand [...] eine Baustelle entstanden sein, an der nur Sowjets arbeiten. Die Baustelle ist ungewöhnlich scharf bewacht, an den Ecken befinden sich MG-Posten. Die Zufahrtsstrassen sind durch gefällte Bäume versperrt, [...]. An der Stelle sind Planierraupen oder Bagger eingesetzt, die eine grössere Stelle bearbeiten und dabei in die Tiefe gehen. Nach Gerüchten handelt es sich um den Bau von Abschuss-Rampen.". Die Anlieferung weiterer "Betonfertigteile" wird im April 1959 (Blatt 27) beobachtet. Wieder werden die "Ausmasse" detaliert beschrieben. Weitere Quellenmeldungen über ungewöhnliche (zumindest für die westl. Dienste) Aktivitäten, welche von der üblichen Routine abweichen, werden auf weiteren Blättern der Standortkartei vermerkt. Auch der Französische Dienst, stützt die Feststellungen mit dem Hinweis (Blatt 33, Juli 1961 und Ende Sept. 59): "Im Obj. soll im Laufe d. letzt. Jahr. eine Raketenabschußrampe gebaut worden sein [...].". "Baustelle an der Strasse VOGELSANG - BURGWALL (ostw. Schw. Weg): Baustelle mit Stacheldraht umgeben. Bauarbeiten werden von Sold. mit Fm-Abz. durchgeführt. Betonplatten und Sockel (an STR. 2 gegeben, Rak.verdächtig). Am 4.10. wurde die Strasse von VOGELSANG n. BURGWALL von ungef. 1 km westl. der E-Linie ZEHDENICK-HAMMELSPRING in westl. Ri gesperrt.".     
Eine Meldung gibt mir zumindest zu Denken, denn es handelt sich um den "Jagen 207", welcher südlich direkt an den "Jagen 225" grenzt, wo die "ungewöhnlich scharf bewachte Baustelle" liegt: "Im Jagen 207 befindet sich ein sogenannter Pflanzgarten (in der Nähe Bauobjekt). Das Betreten dieses Gartens wurde erst durch das zuständige Ministerium erwirkt, unter sowj. Bewachung wurde das Arbeitskdo., das Pflanzen brauchte, in den Garten geführt.".[8]
Welches zuständige Ministerium erwirkt den hier das Betreten einer Umgebung, welche doch so streng bewacht wird und das während der Bauarbeiten im Jagen 225? Denn ich gehe mal davon aus, dass es sich bei der "streng bewachten Baustelle" um die Übungsfeldstellung der R-5 handelte, welche ostw. des Schwarzen Weg, im Jagen 225 lag / liegt.
Allerdings bin ich skeptisch, ob die Meldungen und Hinweise zu den entladenen Baumaterialien als Indiz für den Baubeginn der Bunker o. ä. im Zusammenhang mit der Stationierung zu werten sind. Betonfertigteile oder auch Betonplatten können im Zuge des stetigen Ausbaus der Kaserne Vogelsang genauso gut für Garagendächer oder Schleppdächer und Plattenwege benutzt worden sein. Eine Verwendung dieser und ähnlicher Materialien ist mannigfaltig.

Zum Aufbau der Bunker (Shelter):
Der östliche Montagebunker hatte eine große LKW-Rampe mit gedeckter Lagerzuführung (diese ist in jedem Fall zu einem späteren Zeitpunkt entstanden, vermutlich mit Bildung der gemischten Rakentenbrigaden [RBr.]) Mitte der 80er Jahre. Beide Bunker verfügten über 2 Portalkrananlagen mit je 2 Laufkatzen, dubliert an den jeweiligen Kopfenden. Die vorderen Zugänge wurden durch Anbauten gedeckt. Die Portalkrananlagen und die Anbauten können auch später erweitert bzw. angebaut worden sein. Beide Zugänge an den Stirnseiten waren durch große Lagertore (tschechischer Fabrikation) verschlossen und am hinteren Aussenbereich mit Tarnnetzen gedeckt. Auch diese Tarnmaßnahme kann aus späterer Nutzung stammen.
Die hinteren Aussentore konnten nur von innen geöffnet werden. Dieser gesonderte Objektteil mit den Bunker war durch eine umlaufende Mauer von außen nicht einsehbar. Zusätzlich verfügt der östliche Bunker über eine Sichtschutzwand "neueren" Materials am hinteren Aussentor. Diese umlaufende Mauer trennte auch den "Bunker Bereich" vom restlichen Objektgelände. Der berechtigte Zutritt zum Objekt wurde durch zwei Zugangskontrollen geregelt. Geschützt wurde dieser Bereich auch durch eine Vielzahl von Objektverteidigungsanlagen / Rundumverteidigungen und Beobachtungstürmen, besetzt durch ein speziell geschultes Wachpersonal. Dieses war direkt an der Objektgrenze untergebracht und hatte klar definierte Postenbereiche.

Der Innenbereich der Montagebunker ist / war in mehrere Bereiche geteilt. Über den Anbau war der 1. Raum, eine Art "Produktschleuse" zu betreten. Das angelieferte "Produkt" wurde empfangen und eventuell für die Übergabe zum "Montagebereich" vorbereitet. Im nachfolgenden 2. Raum (räumlich der Grösste) könnte als "Übergabeschleuse / Übergabepunkt" bezeichnet werden. Möglich das das "Produkt" hier zur Übergabe an Raum 3 bereit gestellt wurde bzw. aus Raum 3 zur Abholung zwischengelagert wurde. Dem Personal aus Raum 1 kommend, war es nicht möglich den 3. Raum zu betreten. Gleichzeitig konnte Raum 1 nicht von Raum 3 kommend betreten werden. Dies bedeutet, dass das Personal in Raum 1 nicht wusste was in Raum 3 gearbeitet wird. In diesem 3. Raum, dem "Montageraum", könnten arbeiten an den Produkten erfolgt sein. Alle 3 Räume waren durch Wände und Tore getrennt. Im hinteren Teil der Trakt mit den technischen Arbeitsräumen, welcher durch eine Trennwand mit Flügeltor vom "Montagebereich" getrennt war.
Der 3. Raum war sowohl vom 2., als auch vom Bereich der technischen Arbeitsräume, zusätzlich zu den Toren, mit einem Vorhang an den Zugängen gegen unberechtigten Einblick gesichert. Es wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Zwei-Personenprinzip zum Betreten der "Montageräume" und "Übergabebereiche" praktiziert. Dem Montagepersonal war es NICHT möglich, den gesamten Bunker von einer der beiden Seiten komplett zu durchqueren.
Dies wurde durch ein simples, aber dennoch effektives Sicherheitsprinzip an den Toren der "Montage- und Übergaberäume" verhindert. Zusätzlich gibt es verschiedene Anzeichen / Merkmale, die gegen eine dauerhafte Anwesenheit von Personal sprechen (wie in Lagern üblich). Ähnliche Merkmale waren in den "Bunkern" vom Typ GRANIT der Gruppe "GLOBUS" am FP Groß Dölln zu sehen.
Eines der Merkmale die gegen ein Lagerregime für nukleare Komponenten sprechen, sind u.a. die Spaltmaße an den Toren der Stirnseiten. Dieses Spaltmaß ist nicht auf Grund mangelnder Baukunst oder etwa Termindruck entstanden. Es resultiert aus den Konstruktionen der Torscharnieren, die u.a. ein "aufschwingen" sicherstellen sollen und aus dem einfachen Grund, dass eine Hermetisierung des Bauwerks nicht gewollt bzw. geplant war. Anderenfalls wäre es ein leichtes gewesen, die Tore mit dem Torblatt auf dem Rahmen der Torzarge mit Dichtung aufliegen zulassen. Hinzu kommt, dass es sich um einen Typbau handelt (Pläne zeigen, dass keine "Vogelsang" oder "Neuthymen" Varianten projektiert wurden), der in allen denkbaren Klimaregionen gebaut wurde bzw. werden sollte. Verbautes Material unterliegt folglich den Temperaturschwankungen, was sich an Spaltmaßen bemerkbar machen kann.

Nachfolgende Grafik verdeutlicht die Konstruktion der Torscharniere und die daraus folgenden Spaltmaße. [2]

Wie oder mit welcher Bestimmung die drei großen Räume im Zusammenhang mit der Stationierung der Trägersysteme der R-5M genutzt wurden, ist derzeit nicht belastbar bekannt. Mir zumindest nicht. Somit könnte eventuell nur der Zweck / Nutzung dieser Räume, nicht aber der Inhalt geklärt sein.
Auf Grund der gefundenen Merkmale, der Dokumentation (Vermessung) und bekannter Wartungs- und Dienstvorschriften, die R-5 betreffend, ist auch anzunehmen, dass der Anbau vor dem 1. Raum als Sichtschutz diente.

Alles weitere ist Spekulativ. Anzumerken wäre natürlich, dass meine Darstellungen zur Nutzung der Bunker sicher nicht des Weisheits letzter Schluss sein können und die Wahrheit irgendwo dazwischen liegen wird. Derzeit liegen mir nur solche Erkenntnisse vor, die auf die "Montagevariante" schliessen lassen. Des weiteren kann es nicht schaden, die Zeiträume vor der Verlegung der R-5 im beschriebenen Objektteil etwas genauer zu betrachten. Auch da werden Merkmale sichtbar, die gegen eine Lagervariante sprechen.

Beide Bunker hatten einen Fernwärmeanschluss, der in einem Wasserkreislauf endete. Dieser Wasserkreislauf war in folge als Heizung über einfache Wandrohre ausgeführt und konnte zusätzlich über einen Abzweig zum Heizregister die so entstandene Wärme der Zuluft beigemischt werden, sodass die zugeführte Aussenluft (Zuluft) in der Kälteperiode erwärmt werden konnte um über die Lüftungskanäle das Bauwerk zusätzlich zu erwärmen. Mehr Lüftungs- und Klimatechnik sind in dem anzutreffenden Ausbauzustand nicht zu erkennen.
Vier Räume im Trakt der technischen Arbeitsräume waren in eine separaten Umluftanlage eingebunden. Dazu gab es einen Umkleideraum (Гардероб) und einen Waschraum mit Handwaschbecken (Умывальник).

Das im südlichen Teil des Geländes gelegene Objekt (Militärstädtchen Nr. 13, ugs. "Raketenlager") wurde nach Rückführung der Systeme R-5M (September 1959) zum größten Teil u.a. durch die sst. Raketenabteilung (RA) / Bewegliche Raketentechnische Basis (BRTB) der Division / Armee genutzt.
Auch die Bunker wurden nach Abzug der RA der 72. Ing. Brigade durch die BRTB der Division / Armee weitergenutzt. Unter welchen Maßgaben und zu welchem Zweck, ist noch nicht geklärt. Es ist anzunehmen, dass die Bunker ihrer Zweckbestimmung folgend genutzt wurden.

Vorgesehen war ab 1960 die Stationierung der Mittelstreckenrakete R-12 (SS-4[Sandal]), eine Weiterentwicklung des Systems R-5M. Diese Stationierung wurde jedoch nicht vollzogen, da die weiterentwickelte R-14 u.a. durch höhere Reichweite eine Stationierung der R-12 auf dem westlichen Kriegsschauplatz (KSP) überflüssig machte. Die Feldstellungen hierfür wurden jedoch errichtet und teilweise komplett ausgebaut. Jeweils 4 Feldstellungen lassen sich in den Wäldern bei Lychen und Tangersdorf finden. Jede dieser Feldstellungen hatte etwa 12 Fahrzeuge und entspechend Bedinungspersonal aufzunehmen, um die nötigen Betriebsabläufe, wie etwa Betankung, das Aufrichten und weitere Startvorbereitungen, sicherzustellen. Zusätzlich gab es in etwa 100 - 110 m Entfernung zu jeder Feldstellung einen Beobachtungsbunker für den Batteriechef.

Zum Verständnis ein paar Bilder der vorbereiteten Feldstellungen für die R-12 (SS-4) bei Vogelsang von R. Löhder (vielen Dank!) [6]:

Die spätere Entscheidung (1961) der Stationierung der Systeme R-12 und R-14 auf der Karibikinsel Kuba war möglicherweise ein weiterer Schritt um im Ergebnis den vollständigen Abzug der Raketen des Typs "THOR" und "JUPITER" zu erreichen.

Bild 2 zeigt den Zeitungsartikel der "Krasnaja Swesda" aus dem Jahre 1999. In diesem Artikel "Russische Raketen auf deutschem Boden" werden Zeitzeugen zu den damaligen Hintergründen und technischen Abläufen befragt.
Bild 1 und 3 zeigen die beiden Feldstellungen der R-5M in Vogelsang und Neuthymen.

Übersicht einiger Standorte der Raketen "THOR" in England [3], [4]:

 


Feltwell - 77th RAF SMS - 15 THOR
Hemswell - 7th RAF SMS - 15 THOR
Driffield - 8th RAF SMS - 15 THOR
North Luffenham - 44th RAF SMS - 15 THOR 

 

 


Bild 1: Gefechtskopf der R-5M auf Montagewagen, Bild 2: Meldung über die Sichtung der Eisenbahntransportwaggons am Bahnhof Frankfurt/Oder im April 1959 durch "FLEUROP" [Anm. Partnerdienste des BND] (Auszug aus Standortkartei des BND), Bild 3: Meldung über die Absicherung am Standort Neuthymen im April 1959 durch "FLEUROP/ASTER" [Partnerdienst, Großbritaninen] (Auszug aus Standortkartei), Bild 4: Meldung über die Entladung von Trägermitteln und deren Verbringung zum Standort Neuthymen im Januar 1959 [Anm. zeitlich etwas früh] (Auszug aus Standortkartei), Bild 5: Eisenbahntransportwaggon für den Transport der Trägermittel der R-5M [9], Bild 6: Deklaration der Eisenbahntransportwaggons im Vierteljahresbericht der CIA vom 31. März 1961 nach Sichtung.

 

Stand: 12.10.2017
Quellen: [1] P. Rentsch, [2] Team + Archiv Heimatgalerie, [3] "Project EMILY: Thor IRBM and the RAF"/J. Boyes, [4]: http://albiefield.co.uk/UK/OPEMILY/index.htm , [5]: Nordatlantikvertrag , [6] Bilder R-12 Vogelsang: Ralf Löhder, [7] M. Uhl "Stalins V-2" S. 236/238, [8] BA Koblenz-BND-Militärische Lage-Bestand B 206/114-Standortkartei DDR-1950-1976, [9] Youtube, Bild 1: M. Bansemer, Bild 2: Staatsbibliothek München, Bild 3: Archiv heimatgalerie